Open Air St. Gallen 2010 - 2. Lagebericht
Juni 28th, 2010 von FloEs ist ein mühsames Gefühl, wenn das Zelt langsam in Schieflage gerät und der Tau sich ebenso schleichend durch die synthetischen Wände des Zelts auf dem verkaterten Körper niederlegt. Es bleibt nur die Flucht aus dem Zelt in den Fluss, der das Open Air Gelände umgibt.
Blutende Hasen und schlagende Frauen
Fliehen musste man aber nicht vor dem Programm, dass am Samstag anstand. In der prallen Sonne gab Endo Anaconda von Stiller Has seine Stammtischweisheiten zum Besten und vergnügte das Publikum mit seiner gmögigen Art. Auf der Sternenbühne, der kleineren, aber mit Zeltplachen überdeckten Bühne konnte man in kühlerer Atmosphäre die hitzigste Show des Open Airs mitverfolgen. Dabei handelte es sich um die Partycombo Bonaparte. Ihre Musik ist eine Mischung aus Punk, Trash und Elektro, die durch Abwechslung und wohlpräzisertem Beat bestach. Oben drauf kriegte man eine Show geboten, bei der zwei Frauen gegeneinander boxten, sich mit Blut bekleckerten oder sich sonst irgendwie missbrauchten. Am Abend boten Kasabian ein sehr überzeugendes Konzert, das der Hauptbühne bisher am meisten gerecht wurde. Derweil erfreuten Tocotronic auf der Sternenbühne die Zuschauer und auch sich selbst, denn Sänger Dirk von Lowzow schien mit seinen zahlreichen Verbeugungen am St. Galler Publikum ernsthaft Gefallen gefunden zu haben. Das Feiern hörte nicht auf, als danach Dendemann auf die Bühne trat und seine tanzbaren Songs über die Bühne bretterte.
Ein heisser Tag und ein kühler Distelmeyer
Am Sonntag, nach einer weiteren, noch kürzeren Nacht in einem noch schieferen Zelt folgte der letzte Open Air Tag. Da stand unter anderen Jochen Distelmeyer, Frontsänger der aufgelösten Band Blumfeld, auf der Sternenbühne. Dieser spielte zwischen seinen neuen Liedern immer wieder mal einen Blumfeld-Track und es schien ihm hier nicht recht zu gefallen. Das Publikum war ihm “zu leise” und bedankte sich dann zynisch für den wirklich eher kargen Applaus mit “ihr seid zu lieb!”. Seine Blicke auf die Zuschauer erinnerten an die eines erzürnten Primarlehrer, der die Klasse wegen fehlender Disziplin scheltet. Gottseidank kann man heute im Gegensatz zu früher aufstehen und gehen. Auf der Hauptbühne tanzte der Multiinstrumentalist Jamie Lidell zu seinem experimentellen Sound ab und ersetzte so Wolfmother, die wegen eines erkrankten Sängers nicht ins Sittertobel kommen konnten. Danach gab es ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten des Open Air St. Gallen. Gentleman & the Evolution spielten ihren zeitgenössischen Raggae sehr überzeugend. Sie boten damit die ideale Musik für den Nachmittag des Festivalsonntags, an dem wegen der Hitze jeder Schattenplatz besetzt war. Die letzte Band, die Punkpopper Billy Talent aus den USA, riefen in die Menge, dass an diesem Festival nun endlich Zeit für Punkrock sei. Doch das Geschrei der beiden Sänger erinnerte eher an einen heiseren Donald Duck, der sich im Bunker seines Onkels über zu wenig Sackgeld beschwert.
Ein verlässliches Partypublikum
Spannender war es hingegen auf dem gelichteten Zeltplatz. Dort verharrten die letzten Besucher bei Baseball mit Zeltstangen, explodierenden Raviolibüchsen und erschraken Vorbeigehende mit Fakeschwänzen aus Cervelats. Es endet damit ein Open Air, das nur schon wegen seiner Location und dem partyfreundlichen Publikum ein Besuch wert ist.





![[popup] [popup]](http://testsender.ethz.ch/radiusblog/wp-content/plugins/shout-stream/popup.png)