Obenuse Fest IV – 5.5.2018

Locations: Eldorado, Hafenkneipe, Kino Roland, Sansibar, Zukunft

Lineup: Propagandhi, The Outcasts, Cancer Bats, Radioactivity, Wonk Unit, Failed Teachers, Mobina Galore, No Trigger, Hysterese, Murderburgers, Stalled Minds, Spanish Love Songs, 100 Blumen, Not Scientists, Youth Avoiders, The Run Up, Kids Insane, Bad Sports, Eamon McGrath, Plain Zest, Joe McMahon & The Dockineers, Life In Vacuum, Despite Everything, Hunted Like Thieves, The Fired, Terrorfett, Möped Lads, Save Ends

Das Obenuse Fest ist kein gewöhnliches Festival. Vielmehr ist es ein Treffpunkt für die Punk-Szene in Zürich und der Schweiz, wo Grenzen zwischen Bands und Publikum kaum existieren. Organisiert wird das Ganze von Überyou & Friends, und für die vierte Ausgabe am Samstag, 5. Mai, 2018 haben sie ein ausgezeichnetes Programm inklusive der grossen Attraktion Propagandhi zusammengestellt. Vermutlich war deshalb der Vorverkauf bereits 11 Tage nach dem Start ausverkauft. Und bei 29 Bands aus der Schweiz und aller Welt in fünf verschiedenen Locations im Zürcher Kreis 4, inklusive der Hafenkneipe und dem Pornokino Roland, weiss man gar nicht so recht, wo man mit der Berichterstattung beginnen sollte.

Die Stimmung ist bereits vor dem Bändeltausch um 13 Uhr ausgezeichnet, wenn noch ruhiger als das, was noch kommt. Beim Kunstraum Walcheturm empfängt Überyou-Sänger Ian Bands und Besucher ganz herzlich, als viele bereits Schlange stehen, da sie sich Hoffnungen auf eines der 50 Tickets an der Tageskasse machen. Tickets geschnappt hören sich einige die akustische Performance von Hell & Back-Sänger Vuki, gespickt mit NOFX– und Überyou-Covers, an, während andere die Sonne auf der Wiese des Kasernenareals geniessen und das erste Bier von
vielen trinken.

Das erste eigentliche Set ist das von Save Ends aus Boston in der Hafenkneipe um 14:45. Die Emo-Band, welche neben Genre-Grössen wie The Get Up Kids oder Rainer Maria das Spiel Dungeons & Dragons als grossen Einfluss zählt, gehören zu den ruhigsten Bands am Obenuse und passen daher gut in diesen eher undankbaren Zeitslot. Ein wichtiges Merkmal der Band sind die abwechselnde Lead-Vocals des Keyboardisten Brandon und der Gitarristin Christine, und Bassist Brad und Gitarrist Tom spielen sanftere, verzwicktere Töne als in ihrer anderen Band No Trigger, die später ebenfalls in der Hafenkneipe auftreten. Das Publikum ist zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise zahm, ein würdiger Auftakt ist der Auftritt von Save Ends aber allerweil.

Die Zukunft an der Dienerstrasse ist interessant als Location für das Obenuse Fest, da es sich ansonsten eher um ein Zentrum der Electro- als Punk-Szene handelt, was sich an den hängenden Disco-Kugeln im unterirdischen Club auch sofort erkennen lässt. Am Obenuse ist diese Lokalität sozusagen ein Schaufenster für kanadische Bands, die einzige Ausnahme bilden Hunted Like Thieves aus Zürich, welche harten Post-Hardcore spielen und sich sehr dankbar zeigen, die Bühne mit Propagandhi und Co. teilen zu können. Bei Mobina Galore, einem Duo aus Winnipeg mit Jenna Priestner (Gesang/Gitarre) und Marcia Hanson (Schlagzeug/Gesang), formt eine kleine Gruppe von Zuhörern einen Mini-Moshpit, und ein Teil des Publikums singt bei den Refrains mit. Ihre Musik ist erstaunlich eingängig, dicht und muskulös für eine Band, die mit nur einer Gitarre und ohne Bass spielt. Sie präsentieren zum Schluss ihres Auftritts noch ein neues Lied, Fade Away, welches am 18. Mai als Single erschienen ist. Neues Material präsentieren auch die Hardcore-Band Cancer Bats aus Toronto mit ihrem hervorragenden Album The Spark That Moves, das vor wenigen Wochen erschienen ist.

Zur selben Zeit wie Cancer Bats in der Zukunft spielen, sorgen Spanish Love Songs aus Los Angeles in der Hafenkneipe für einen unvergesslichen Konzertmoment, den man so nur am Obenuse Fest erleben kann. In der Szene hat es sich offenbar herumgesprochen, wie gut ihr im März erschienenes Album Schmaltz ist, denn die Hafenkneipe ist schon vor dem Konzertbeginn bei Maximalkapazität gefüllt, bis zu 20 Leute stehen vor der Tür mit der Hoffnung, irgendwann doch noch hineinzukommen. Dank der noch scheinenden Sonne um 6 Uhr ist die Temperatur in der Hafenkneipe kaum erträglich, der dichten Menschenmenge interessiert es kaum. Erstaunlich viele können bereits Songtexte von Liedern wie The Boy Considers His Haircut und Buffalo Buffalo auswendig, und der Tourmanager wagt einen Crowdsurf über das begeisterte, schwitzende Publikum. Auch wenn Frontmann Dylan Slocum den Vergleich nicht nachvollziehen kann, werden Spanish Love Songs von vielen als die nächsten Menzingers gehandelt – beim ersten Auftritt in Zürich werden sie diesem Ruf mehr als gerecht.

Am späteren Abend begeben sich viele BesucherInnen in die Zukunft, um sich einen begehrten Platz beim Propagandhi-Konzert zu sichern. Aber auch anderswo gibt es viele sehenswerte Bands: Im Eldorado am Limmatplatz beispielsweise spielen mit Bad Sports und Radioactivity zwei Bands aus Denton, Texas, die Mitglieder teilen. Erstere spielen kratzigen, rohen Power-Pop, letztere simple, schnelle Punk Lieder à la Ramones oder Buzzcocks, aber beide spielen ihre Sets ohne Unterbrüche und lassen die Musik für sich selbst sprechen. Erwähnenswert ist auch der Auftritt von The Outcasts, die erstmals 1977 aufgetreten sind und somit die mit Abstand älteste Band am Obenuse Fest sind, im Roland. Da das umfunktionierte Sex-Kino an der Langstrasse viel geräumiger ist als die anderen Locations ist, kann das Publikum einen besonders ausgelassenen Moshpit bilden. Man sieht hier auch gut, dass beim Obenuse Fest eine Szene sich selbst feiert: zu den ZuhörerInnen zählen auch viele, die selber in der Schweizer Punkszene aktiv sind, wie Manuel Kellerhals (Todesdisko/Kabuki Joe) oder Hasu Langhart (The Peacocks/The Vicos).

Das diesjährige Obenuse Fest überzeugt mit einem hervorragenden Line-Up mit Punk-Rock Bands aus aller Welt, intimen Locations und eine gehörige Menge Bier. Die Atmosphäre ist so familiär wie an keinem zweiten Festival, an der Afterparty haben Bands, OrganisatorInnen und ZuhörerInnen alle gemeinsam gefeiert. Das Wetter an diesem ersten Mai-Sonntag hat auch mitgespielt, was zu Feierlaune im gesamten Kreis 4 und besonders verschwitze Konzertlokale geführt hat. Das einzige, was es auszusetzen gibt, ist, dass es etwas zu viel des Guten ist: bei einem so gut besetzten Programm lassen sich Terminkonflikte nicht vermeiden. Sollte man The Run Up oder Joe McMahon sehen? No Trigger oder Hysterese? Chelsea Deadbeat Combo oder Murderburgers? Alles schwierige Fragen, im Gegensatz zu derjenigen, ob man in 2019 ans Obenuse Fest V gehen sollte.

Und übrigens, wir haben am Obenuse Fest noch mit Save Ends, Mobina Galore und Spanish Love Songs gesprochen…

Text: Milo Schärer / Fotos: Dominique Magnusson

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