Konzert Review: Public Service Broadcasting 7.11.2017

Es gibt keine Band wie Public Service Broadcasting. Für viele ist das Trio aus London die interessanteste Band unserer Zeit – und das zu recht: Konzept-Alben, die das Aufarbeiten der Geschichte fast erzwingen, die Musik teils elektronisch, teils Rock, kein Gesang, aber dafür Samples aus öffentlichen Informationsfilmen, archiviertem Videomaterial oder Propagandafilmen und -reden.

Die Band selbst besteht aus J. Willgoose Esq., der alle benötigten Saiteninstrumente (inklusive Banjo), alle elektronischen Instrumente und natürlich das Samplen  übernimmt, Wrigglesworth am Schlagzeug, anderen Percussionsinstrumenten und am Klavier und schließlich JF Abraham auf der Trompete, dem Flügelhorn, der Bassgitarre und jeglichen anderen Instrumenten. Sie alle treten stets stilvoll in Hemd und Fliege oder Krawatte auf, wobei J. Willgoose nie ohne den gesamten Tweed-Look zu sehen ist.

Nun ist Public Service Broadcasting eine dieser Bands, deren Musik man auf dem Studioalbum schon aus tiefstem Herzen geniesst – sie ist stets vielseitig, regt zum Nachdenken an, und jedes Album enthält die richtige Mischung aus Ernst und Leichtherzigkeit. Doch ihre Live-Auftritte, sprich eine das Publikum verbindende audiovisuelle Erfahrung, sind nicht vergleichbar mit den Studioalben. Jedes Lied wird durch ein zusammengeschnittenes Video aus oben genannten Quellen begleitet und hinter die Band projiziert, während das Trio den Tracks durch eine energiegeladene Darbietung eine historische aber doch zeitgenössische Bedeutung verleiht, die im Studio gar nicht so mächtig herübergebracht werden kann.

Es ist also tatsächlich ein Genuss, Public Service Broadcasting live zu sehen. Zürich haben sie dieses Mal im Bogen F mit einer Show in Unterstützung ihres neuen Albums Every Valley beehrt. Das Album ist ein Konzept-Album über den Aufstieg und den Untergang der Kohleindustrie in den Tälern von Südwales zwischen den 1950er und den 1980er Jahren. Es erzählt eine Geschichte, die nach Angaben J. Willgooses als Allegorie für zeitgenössische politische Themen verstanden werden soll.

Und so betreten Public Service Broadcasting also wortlos die Bühne im Bogen F, während die laute Männerstimme eines Archivfilms den Raum füllt und beteuert, dass es der Traum jedes jungen Mannes in Wales ist, Bergarbeiter zu werden. Das Video der Kohleminen beginnt und ebenso eine mächtige Darbietung von The Pit. Das Publikum ist begeistert und es geht sofort weiter mit People Will Always Need Coal. Auf diese zwei eher ernsteren Lieder folgt der fröhliche, Banjo-lastige Publikumsliebling Theme from PSB aus dem Debütalbum Inform-Educate-Entertain und ebenso aus dem Debütalbum das energiegeladene Signal 30, das wieder daran erinnert, dass dies ja eigentlich ein Rock-Konzert und keine Geschichte-Stunde ist.

Die Stimmung im Publikum könnte also nicht besser sein und es folgen weitere Klassiker auch aus dem zweiten Album The Race For Space, wie zum Beispiel E.V.A., ein Porträt vom ersten “Spacewalk” durch Alexey Leonov. Währenddessen werden immer wieder Lieder aus dem neuen Album gespielt, zum Beispiel Progress, eine Zelebrierung des technologischen Fortschritts mit Refrain “I believe in progress”, der durch die Halle des Bogen F schwingt.

Eine der kraftvollsten Darbietungen ist allerdings die von They Gave Me A Lamp: Begleitet durch ein berührendes Video, das die Rolle der Frau im Bergarbeiter-Streik der 1980er Jahre zeigt, erfüllen die stimmen ebenjener Frauen den Raum mit ihren Erzählungen über ihre Erfahrungen im Streik. Die Hornklänge wecken außerdem einen zelebrierenden und doch anmutigen Charakter. Nicht jeder im Publikum kennt den Kontext dieses einzigartigen Liedes, doch es wird so wirkungsvoll gespielt, dass man im Publikum weiss, dass es sich um etwas Profundes handelt.

Ein paar Lieder werden noch gespielt, bevor Public Service Broadcasting die Bühne zum ersten Mal verlassen. Auf lautstarken Wunsch des Publikumskehren sie aber noch für zwei Klassiker zurück: Gagarin, das Lied zu dem man einfach tanzen muss, und Everest, eine wunderschöne Ode an den höchsten Berg der Welt, bei der einem warm ums Herz wird.

Und so verlässt uns das Trio. Das Publikum fleht fast nach einem zweiten Encore – vergebens. “We all have homes to go to.”, spricht Willgoose leicht peinlich berührt ins Mikrofon. Der Bogen F verbleibt also lediglich mit guter Laune und diesem wohligem Gefühl, das man hat, wenn man gerade etwas Fantastisches erlebt hat.

Public Service Broadcasting sind also in der Tat eine Band wie keine andere. Auf die drei Alben und drei EPs, die allesamt hervorragend sind, folgen hoffentlich noch viele weitere, und vor allem noch zahlreiche Tours, denn es sei wirklich jedem wärmstens ans Herz gelegt, diese Band mindestens einmal live gesehen zu haben. Public Service Broadcasting Konzerte bleiben in Erinnerung.

Fotokredit: Benjamin Lauber

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